Shakespeares "Macbeth" in einer urigen rheinischen Klosterruine. In der Abtei des Zisterzienser-Klosters Heisterbach im Siebengebirge tanzen die Hexen. Im Unterholz blitzen Schwerter. Dunkelhäutige Krieger lauern darauf, den Mörder-König zu stürzen, während dessen wahnsinnig gewordene Frau über zerbrochene Treppen irrt, die blutigen Hände in den geborstenen Chorraum reckend. Die grandiose Caspar-David-Friedrich-Kulisse wird zum Schreckens-Schauplatz für ein weltweit verständliches theatralisches Sinnbild menschlichen Wahns, dargeboten von einer Truppe aus New Yorks Schwarzen-Getto Harlem.
Es zählte sicher zu den Vorzügen der neu konzipierten Bonner Biennale, dass sie kulturelle Brüche von vorn herein mit installierte. Der nach Wiesbaden abgewanderte Generalintendant Manfred Beilharz setzte noch voll aufs Theater, auf die europäischen Bühnenproduktionen der Gegenwart.
Sein Nachfolger Klaus Weise wagte jetzt, zusammen mit seinem neuen künstlerischen Festival-Chef Steffen Kopetzky, den Bruch als Prinzip: Die kulturelle Begegnung mit einer ganzen Region und zwar quasi in toto: Theater, Musik, Literatur, Kunst und Film.
Ein gewaltiges Unternehmen. Mehr als hundert Veranstaltungen in zehn Tagen lockten sagenhafte 10 000 Besucher; weit mehr als erwartet, obwohl sich die "neue Unübersichtlichkeit" für Bonn noch als ein wenig gewöhnungsbedürftig erwies.
Dass das Auftakt-Thema "New York" hieß, legte den Bruch als Prinzip inhaltlich und formal von vornherein nahe. Der geistige Moloch Big Apple, selbst ein Hexenkessel aus Vielfalt und Widersprüchen, in der romantikverwöhnten Rheinprovinz - das lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Und so wurde diese Biennale nicht nur zu einer Erfahrung des Fremden, sondern auch zu einer spannenden verfremdeten Selbsterfahrung der Gastgeber.
Eben zum Beispiel das Gastspiel des Classical Theatre of Harlem: Menschlicher Wahn von Macht, humane Verirrung, gespielt von einem vorrangig schwarzen Ensemble, da steckt eine andere Selbsterfahrung dahinter. Der Zusammenhang von Not, Verblendung und Gewalt ist evidenter. Alfred Preisser hat das inszeniert als Ekstase des Monströsen, als Tanz und Orgie gewaltiger Emotionen und des Irrationalen - Europas Romantik beginnt fast zu bersten. - Ein Sprung in Bonns eher proletarischen Stadtteil Tannenbusch: "The last Supper" im Orth-Haus. In einer bürgerlichen Wohnung, halb flippige Galerie, halb privater Ort der Begegnung, spielt der Schauspieler, Regisseur und Dramatiker, Geistliche und Augenarzt Ed Schmidt mit den Besuchern. Zwischen Wohnzimmer, mit Kirchengestühl zum Andachtsraum umgestaltet, und Küche weiß der Zuschauer nie ganz genau: Nimmt er nun an einem Gottesdienst teil, ist er privater Gast eines Essens oder lässt er sich von einem spritzigen Entertainer "nur" unterhalten.
Ständig wechseln die Wirklichkeitsebenen, der Mensch als Wechselbalg spiritueller, leiblicher, intellektueller Erfahrungen. Wenn der Pizzadienst das "Abendmahl" reicht, hat die Ironie ihre Stunde. Aber ist die Wirklichkeit tatsächlich nicht eine höchst ungewisse Pluralität? - Oder ein ganz normales Zimmer im Bonner Hilton-Hotel. Unsicher tappen die Zuschauer sich uns Halbdunkel vor. Ein unbekleideter Mann liegt auf dem Bett. Ist man vielleicht ins falsche Zimmer geraten? Aber nein, Richard Maxwell von den New York City Players spielt sein Stück "Showcase". Während er sich anzieht, erzählt er seinem Schatten von seinen Nöten als Geschäftsreisender in der anonymen Welt der Herbergen und Gastronomiebetriebe. Spiel oder Erfahrung? Austauschbar.
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